Phase 1: Von Anatolien nach Rumelien (16. Jh.)
Der osmanische Staat verfolgte im 16. und 17. Jahrhundert eine gezielte sürgün-iskân-Politik
(Deportation-Ansiedlung) und siedelte türkische Gruppen — insbesondere Avşar-Turkmenen aus Zentral- und
Südanatolien (Karaman, Maraş, Adana, Niğde, Kırşehir, Sivas) — in neu eroberten Balkanländern an. Die
Politik diente zwei Zwecken: der Befriedung unruhiger anatolischer Regionen (besonders während der Celali-
Aufstände im späten 16. und 17. Jahrhundert) und der Stabilisierung der osmanischen Herrschaft auf dem
Balkan durch loyale muslimische Bevölkerungen.
Ansiedlung in Hacıoğlu-Pazarcık
Die Karabağlar-Gruppe wurde in der Region Hacıoğlu-Pazarcık (heutiges Dobrich, Bulgarien) angesiedelt.
Osmanische Tahrir-Aufzeichnungen von 1518 zeigen nur 14 Haushalte in der Gründungssiedlung Hacıoğlu; bis
1569 war der Bezirk zu einer Kasaba (Stadt) mit zwei Freitagsmoscheen, neun Mescits und einer Schule
geworden. Die 76 Dörfer der Nahiye (Bezirk) waren ausschließlich von Türken bewohnt — 2.876 Haushalte
(~14.000 Menschen). Das Dorf Çayır, aus dem die Gründer Mesudiyes später auswandern würden, wurde während
dieser Expansionsphase gegründet.
Drei Jahrhunderte auf dem Balkan
Die Karabağlar-Gemeinschaft bestand etwa 300 Jahre in Bulgarien-Rumelien fort und bewahrte ihren Avşar-
Dialekt, Bräuche, Kleidung und patronymische Namensgebung (das -es-Suffix, das noch in Mesudiye-
Familiennamen wie Özşahines zu finden ist). Im 19. Jahrhundert waren sie vollständig lokal —
sie betrieben Landwirtschaft, Viehzucht und integrierten sich in die breitere rumelisch-türkische
Gemeinschaft.
Phase 2: Die Rückkehr 1906-1907
Nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1877-78 und der Gründung Bulgariens als unabhängiges Königreich 1908
verstärkte sich der Druck auf türkische muslimische Minderheiten. 1906 organisierten 94 Haushalte des
Dorfes Çayır die Rückwanderung nach Anatolien. Ihre Reise — Çayır → Köstence → Haydarpaşa → Konya →
Karaman — vollendete einen etwa 400-jährigen Zyklus. Siehe
/de/tarih/goc/
für die vollständige Route.
Kulturelle Kontinuität
Die Karabağlar in Mesudiye tragen noch immer die Spuren der Reise. Ihr rumelisch-türkischer Dialekt (das
-es-Suffix, Vokalverkürzung), ihr balkanischer Muhacir-Lehmofen und das darin gebackene Brot, ihre
zweitägigen Hochzeitsbräuche, die rumelische Zeremonialpraktiken bewahren — all dies sind Zeugnisse einer
kulturellen Kontinuität, die 300 Jahre auf dem Balkan nicht ausgelöscht, sondern bereichert haben.